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Mittwoch, 27. Juli 2016

Da geht noch was

Ein neues Familienmitglied bringt es mit sich, dass man sich darauf ein-
und somit umstellt. Unsere Pflegetochter ist keine Vordembildschirmchillerin.
Begeistert schlug sie mir letzte Woche vor, wir könnten doch zusammen
Federball und Tischtennis spielen. Ja doch, irgendwo hatte ich noch die
Ausrüstung  dafür aufgehoben. Sie war auch noch nicht verrottet.
Also gut, ächz, aufraff, eigentlich hatte ich für diesen Tag mein Sportpensum
schon absolviert.
Habe gar nicht mehr gewusst, wie viel Spaß und gute Laune das gemeinsame
Hin und Her macht! Und das viele Bücken nach dem Feder- oder Tischtennis-
ball hält schön fit.


Freitag, 15. Juli 2016

Bewegter Alltag


Erschrocken wache ich auf - bestimmt habe ich verschlafen 
und meinen Zug verpasst. Blick auf die Uhr, Erleichterung:
Noch ein knappes Stündchen Zeit. Ich beeile mich rasend.
Der Blumenschmuck im Haar hält zwar gut, doch die Teile
brechen raus. Egal, jetzt muss ich mich um mein Gesicht
kümmern, das schuppig aussieht wie bei einer Echse, die 
sich gerade häutet. Mit einer Art Schleifgerät bekomme ich 
es einigermaßen glatt. Jetzt meine Unterlagen! Sie sind nicht
da, wo sie sonst zu sein pflegen. Ungeachtet der mächtigen
Unordnung, die ich verursache, zerre ich hastig etwas heraus,
das halbwegs brauchbar erscheint.
Mit Herzklopfen wache ich auf. Der Morgen dämmert. Es ist
ein schöner Tag. Mein Gesicht sieht normal aus. 
Heute verzichte ich auf Sport, weil mein Alltag zur Zeit ohnehin
mit Bewegung gespickt ist. Am Abend zuvor haben meine
Pflegetochter und ich das Wohnzimmer in eine Tanzfläche
verwandelt und zu arabischer, kurdischer, türkischer und
Xavier-Naidoo-Musik getanzt. Heute begleitete ich sie auf dem
Fahrrad zum Deutschkurs, später radelte ich in die Stadt und meldete
sie zu einem Fahrradkurs an, damit sie richtig sicher wird im
Straßenverkehr. Dann holte ich sie vom Deutschkurs ab und
half ihr am Nachmittag, ihr Zimmer sauber und schön zu machen.
Vielleicht gehen wir am Abend noch zu Fuß in die Stadt zu
"Bamberg zaubert". Wenn das nicht genügend Bewegung ist,
esse ich einen Schokobesen.

Samstag, 9. Juli 2016

Lebe mit Leidenschaft


so heißt das neunte Thema beim Lebe leichter-Kurs.
Das sieht bei jedem individuell verschieden aus.
Nimmt die Leidenschaft für Ideen, Ziele Projekte und
Vorhaben zu, seien sie klein oder groß, rückt das Thema
Essen automatisch weg von der allzu großen Wichtigkeit.
Ich hänge da immer ein Poster auf mit dem Spruch
"Jeder Mensch hat das Potential, etwas Besonderes zu
sein und zu bewirken."
Selbst ein acht Monate altes Baby. Da meine kleine
Enkeltochter sämtliche Niedlichkeitsrekorde sprengt
(okay, die ver-rückte Großmutter spricht), könnte ich
mich stundenlang mit diesem faszinierenden Wesen
beschäftigen und dabei alles vergessen.
Allen Mamas, die ihre Schwangerschaft gerade überhaupt
nicht brauchen können, möchte ich ganz, ganz, ganz tief ins
Herz sprechen: Behalte Dein Baby. Sonst bringst du dich
selber um. ein ganz großes Stück Lebensglück.
Leidenschaftlich Mama sein, das mag gesellschaftlich nicht
hoch im Kurs stehen. Scheiß auf Ansehen und auf das Geld.
Ich habe tiefen Respekt vor jeder Mama, die sich für ihr Kind
entscheidet. Jedes Kind bringt so viel Lebenswillen und
Lebenszugewandtheit und Lebensfreude mit, das ist einfach
ansteckend und mit nichts zu bezahlen.

Dienstag, 5. Juli 2016

Neue Welten

Nun lebt unsere Pflegetochter aus Syrien, die als
unbegleiteter Flüchtling hierher kam, schon einige Tage 
bei uns. Und allmählich dämmert es meinem trägen Hirn,
dass für mich als Pflegemutter ein bisschen mehr dazu
gehört, als mal eben ihr Leben in einem Aktenordner zu
verwalten. Sie hat hier keine Herkunftsfamilie. Nun sind WIR
ihre Familie. Sie verlässt sich auf uns und freut sich, bei
uns zu sein. Über die Dimension unserer Verantwortung
will ich nicht zu sehr nachgrübeln. Ich freue mich einfach,
dass alle diese schöne Aufgabe hier mittragen. 
Viel Lachen und Humor sind inbegriffen, weil wir uns
manchmal mit Händen und Füßen und Definitionen
verständigen. Aber das Deutsch lernen geht erstaunlich
schnell. Wenn ich so schnell Arabisch lernen würde, wäre
ich ein absoluter Überflieger. Bin ja schon stolz, dass ich
einzelne Wörter weiß. Auch kulturell lernen wir gegenseitig
von uns. Da tun sich neue Welten auf. 
Ich glaube, bei all unserer Unvollkommenheit ist es das 
allerwichtigste und grundlegendste, dass unsere Pflegetochter
immer wieder neu erlebt und spürt, dass wir sie liebhaben.